25/10/2026
𝗚𝗘𝗧𝗜𝗟𝗚𝗧𝗘 𝗗𝗗𝗥-𝗚𝗘𝗦𝗖𝗛𝗜𝗖𝗛𝗧𝗘
👶 𝗩𝗘𝗕 𝗭𝗘𝗞𝗜𝗪𝗔 𝗭𝗘𝗜𝗧𝗭 – 𝗞𝗜𝗡𝗗𝗘𝗥𝗪𝗔𝗚𝗘𝗡 𝗙Ü𝗥 𝗘𝗜𝗡𝗘 𝗚𝗔𝗡𝗭𝗘 𝗚𝗘𝗡𝗘𝗥𝗔𝗧𝗜𝗢𝗡
Es gibt DDR-Betriebe, bei denen reicht ein einziges Bild und sofort kommen Erinnerungen zurück. ZEKIWA gehört genau dazu. Diese hohen Kinderwagen mit großen Rädern, verchromtem Gestell, geflochtenem Korb oder später den typischen farbigen Aufbauten standen vor Kaufhallen, Kinderkrippen, Wohnblocks und auf Dorfstraßen in der gesamten DDR.
Hinter diesen Wagen stand der 𝗩𝗘𝗕 𝗭𝗘𝗞𝗜𝗪𝗔 𝗭𝗲𝗶𝘁𝘇. Rund 𝟮.𝟮𝟬𝟬 Menschen arbeiteten dort gegen Ende der DDR. Das Unternehmen war zeitweise sogar der größte Kinderwagenhersteller Europas und produzierte hunderttausende Kinder-, Sport- und Puppenwagen im Jahr.
🏭 𝗗𝗜𝗘 𝗚𝗘𝗦𝗖𝗛𝗜𝗖𝗛𝗧𝗘 𝗕𝗘𝗚𝗔𝗡𝗡 𝗦𝗖𝗛𝗢𝗡 𝟭𝟴𝟰𝟲
Die Kinderwagenproduktion in Zeitz war keine Erfindung der DDR. Bereits 1846 begann Ernst Albert Naether mit der Herstellung von Kinderwagen. Aus einer kleinen handwerklichen Fertigung entwickelte sich über Jahrzehnte eine bedeutende Industrie. Zeitz wurde zu einem der wichtigsten Zentren des Kinderwagenbaus in Deutschland.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die bisherigen Unternehmen enteignet und verstaatlicht. Später entstand daraus der VEB ZEKIWA. Der Name war denkbar einfach: 𝗭𝗘𝗜𝘁𝘇𝗲𝗿 𝗞𝗜𝗻𝗱𝗲𝗿𝗪𝗔𝗴𝗲𝗻.
Und dieser Name wurde in der DDR praktisch jedem bekannt.
🧺 𝗩𝗢𝗠 𝗚𝗘𝗙𝗟𝗢𝗖𝗛𝗧𝗘𝗡𝗘𝗡 𝗞𝗢𝗥𝗕 𝗕𝗜𝗦 𝗭𝗨𝗠 𝗦𝗣𝗢𝗥𝗧𝗪𝗔𝗚𝗘𝗡
Die Produktion war wesentlich aufwendiger, als man bei einem Kinderwagen zunächst denkt. Körbe wurden geflochten, Gestelle geschweißt und verchromt, Räder montiert, Polster und Verdecke genäht und anschließend alles zusammengebaut.
Gerade die klassischen Korbkinderwagen waren stark von Handarbeit geprägt. Später kamen modernere Materialien und neue Konstruktionen hinzu. Aus den eleganten Wagen der 1950er und 1960er Jahre wurden in den 1970er und 1980er Jahren zunehmend kantigere Modelle mit kräftigen Farben, größeren Verdecken und anderen Fahrgestellen.
Produziert wurden nicht nur Kinderwagen, sondern auch Sportwagen und Puppenwagen.
Und wer damals einen ZEKIWA über Kopfsteinpflaster, hohe Bordsteine und DDR-Gehwege schob, führte ganz nebenbei einen ziemlich umfangreichen Belastungstest durch.
📈 𝗛𝗨𝗡𝗗𝗘𝗥𝗧𝗧𝗔𝗨𝗦𝗘𝗡𝗗𝗘 𝗪𝗔𝗚𝗘𝗡 𝗜𝗡 𝗘𝗜𝗡𝗘𝗠 𝗝𝗔𝗛𝗥
Die Produktionszahlen waren enorm. 1980 wurden beispielsweise 𝟯𝟲𝟴.𝟲𝟯𝟰 Kinderwagen, 𝟭𝟲𝟯.𝟭𝟵𝟭 Kindersportwagen und 𝟯𝟬𝟱.𝟵𝟵𝟳 Puppenwagen hergestellt.
Zu Spitzenzeiten entstanden jährlich mehrere hunderttausend Wagen. Damit war ZEKIWA einer der größten Kinderwagenhersteller Europas.
Das waren keine kleinen Stückzahlen für den heimischen Markt. Hier wurde im industriellen Maßstab produziert.
🌍 𝗭𝗘𝗞𝗜𝗪𝗔 𝗚𝗜𝗡𝗚 𝗔𝗨𝗖𝗛 𝗜𝗡 𝗗𝗘𝗡 𝗘𝗫𝗣𝗢𝗥𝗧
Ein großer Teil der Produktion wurde ausgeführt. Kinderwagen aus Zeitz gingen in zahlreiche Länder, darunter auch in westliche Märkte.
Damit brachte ZEKIWA der DDR Devisen. Einige Modelle wurden für Exportkunden angepasst oder unter anderen Handelsnamen verkauft. Der Käufer im Westen wusste also nicht unbedingt, dass sein Kinderwagen aus einem volkseigenen Betrieb in Zeitz kam.
Während sich die Politik über Systeme stritt, rollten DDR-Kinderwagen ganz friedlich durch westdeutsche Straßen. Der internationale Handel hatte eben schon damals gelegentlich weniger Berührungsängste als die Politik.
👩🏭 𝗥𝗨𝗡𝗗 𝟮.𝟮𝟬𝟬 𝗕𝗘𝗦𝗖𝗛Ä𝗙𝗧𝗜𝗚𝗧𝗘 – 𝗨𝗡𝗗 𝗘𝗜𝗡𝗘 𝗚𝗔𝗡𝗭𝗘 𝗦𝗧𝗔𝗗𝗧 𝗛𝗜𝗡𝗚 𝗗𝗔𝗥𝗔𝗡
Für Zeitz war ZEKIWA weit mehr als eine Fabrik. Rund 2.200 Menschen arbeiteten unmittelbar im Betrieb. Hinzu kamen Zulieferer, Transport, Werkzeugbau, Reparaturbetriebe und andere Dienstleistungen.
Viele Familien waren über Generationen mit dem Werk verbunden. Die Mutter arbeitete vielleicht in der Näherei, der Vater im Werkzeugbau und die Tochter begann später ihre Lehre im gleichen Betrieb.
Genau deshalb waren die Folgen nach 1990 so tiefgreifend. Wenn in einer Stadt ein Unternehmen mit mehr als 2.000 Beschäftigten zusammenbricht, verschwindet eben nicht nur eine Zahl aus einer Statistik.
Es verschwinden Lebenspläne.
⚠️ 𝗡𝗔𝗧Ü𝗥𝗟𝗜𝗖𝗛 𝗪𝗔𝗥 𝗔𝗨𝗖𝗛 𝗭𝗘𝗞𝗜𝗪𝗔 𝗡𝗜𝗖𝗛𝗧 𝗣𝗘𝗥𝗙𝗘𝗞𝗧
Viele Modelle waren schwer, teilweise sperrig und aus heutiger Sicht nicht gerade kompakt. Westliche Hersteller entwickelten bei Gewicht, Klappmechanismen und Materialien teilweise schneller weiter.
Aber die Wagen waren robust. Viele ließen sich reparieren, einzelne Teile austauschen und über Jahre weiterverwenden.
Dass heute noch zahlreiche Originale existieren, sagt einiges über die Haltbarkeit.
Mancher moderne Kinderwagen kostet heute so viel wie früher ein halber Gebrauchtwagen und besitzt trotzdem vermutlich weniger Überlebenswillen als ein alter ZEKIWA.
💥 𝗨𝗡𝗗 𝗗𝗔𝗡𝗡 𝗞𝗔𝗠 𝟭𝟵𝟵𝟬
Mit der deutschen Einheit brachen die bisherigen Absatzmärkte innerhalb kürzester Zeit weg. Gleichzeitig standen plötzlich Kinderwagen westlicher Hersteller in den Geschäften.
Der Betrieb kam unter Treuhandverwaltung. Teile wurden verkauft, andere stillgelegt. Bereits Ende 𝟭𝟵𝟵𝟭 endete die Kinderwagenproduktion im alten Zeitzer Werk.
Damit verschwand innerhalb weniger Jahre ein Unternehmen, das kurz zuvor noch zu den größten Kinderwagenherstellern Europas gehört hatte.
Natürlich wäre es zu einfach, die gesamte Entwicklung ausschließlich der Treuhand zuzuschreiben. Auch der Wegfall der osteuropäischen Märkte, die Währungsunion, neue Kostenstrukturen und internationale Konkurrenz spielten eine erhebliche Rolle.
Für die Beschäftigten änderte das Ergebnis allerdings wenig.
Der Arbeitsplatz war weg.
🏚️ 𝗗𝗜𝗘 𝗙𝗔𝗕𝗥𝗜𝗞 𝗩𝗘𝗥𝗦𝗖𝗛𝗪𝗔𝗡𝗗 – 𝗗𝗘𝗥 𝗡𝗔𝗠𝗘 𝗡𝗜𝗖𝗛𝗧 𝗚𝗔𝗡𝗭
Große Teile des alten Werksgeländes wurden nach 1990 zurückgebaut. Ein markantes historisches Gebäude blieb jedoch erhalten und wurde später saniert und neu genutzt.
Auch die Marke ZEKIWA überlebte zunächst. In deutlich kleinerer Form wurden weiterhin Kinderwagen angeboten, während die eigentliche Fertigung zunehmend ins Ausland wanderte.
Aus einem Betrieb mit rund 2.200 Beschäftigten wurde damit am Ende nur noch ein Schatten der früheren Industrie.
👶 𝗨𝗡𝗗 𝗗𝗜𝗘 𝗞𝗜𝗡𝗗𝗘𝗥𝗪𝗔𝗚𝗘𝗡 𝗦𝗜𝗡𝗗 𝗡𝗢𝗖𝗛 𝗗𝗔
Heute werden alte ZEKIWA-Wagen gesammelt, restauriert und auf Treffen gezeigt. Im Deutschen Kinderwagenmuseum in Zeitz lässt sich die Geschichte dieser Industrie bis weit ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen.
Und wahrscheinlich stehen auch heute noch irgendwo auf einem Dachboden Wagen, in denen einst Kinder durch die DDR geschoben wurden.
Manchmal reicht ein altes Familienfoto, und jemand erkennt sofort:
„Das war unser Kinderwagen.“
Genau solche Erinnerungen machen diese Betriebe interessant.
🧠 𝗪𝗔𝗦 𝗪𝗨𝗥𝗗𝗘 𝗔𝗟𝗦𝗢 𝗚𝗘𝗧𝗜𝗟𝗚𝗧?
Nicht die Kinderwagen.
Die sind teilweise noch immer da.
Getilgt wurde die Erinnerung an die industrielle Dimension dahinter: rund 2.200 Beschäftigte, hunderttausende produzierte Wagen im Jahr, Export in zahlreiche Länder und eine Kinderwagenbau-Tradition, die Zeitz über mehr als ein Jahrhundert geprägt hatte.
Heute sieht man einen alten ZEKIWA und denkt an Babys, Spaziergänge und Familienfotos.
Was man kaum noch sieht, sind die tausenden Menschen, die diese Wagen gebaut haben.
𝗘𝗶𝗻 𝗚𝗲𝗱𝗮𝗻𝗸𝗘 𝘇𝘂𝗺 𝗦𝗰𝗵𝗹𝘂𝘀𝘀 🌅
Genau solche Unternehmen gehören für mich in diese Reihe.
Nicht immer nur die bekannten Großkombinate.
Sondern Betriebe, deren Produkte mitten im Alltag der Menschen standen.
Bei ZEKIWA lag möglicherweise eine ganze Generation.
Die Fabrik verschwand.
Die meisten Arbeitsplätze verschwanden.
Aber die Kinderwagen blieben.
𝗨𝗻𝗱 𝗺𝗮𝗻𝗰𝗵𝗺𝗮𝗹 𝗿𝗲𝗶𝗰𝗵𝘁 𝗲𝗶𝗻 𝗮𝗹𝘁𝗲𝘀 𝗙𝗼𝘁𝗼, 𝘂𝗻𝗱 𝗺𝗮𝗻 𝗶𝘀𝘁 𝗽𝗹ö𝘁𝘇𝗹𝗶𝗰𝗵 𝘄𝗶𝗲𝗱𝗲𝗿 𝗺𝗶𝘁𝘁𝗲𝗻𝗱𝗿𝗶𝗻.